Geräucherte Mettwurst

… just another MettBlog

Wollhandkrabbe

Da sitzt sie, unten am Fußende meines Bettes und glotzt mich boshaft grinsend an. Abend für Abend, nachts, wenn ich aufwache, wann immer es dunkel und kalt ist und ich alleine bin. Tagsüber lässt sie sich nie blicken, da schafft sie es nicht bis zu mir. Das scheiß-feige Miststück. Aber es kann ja nicht immer jemand bei mir sein.

 

„Was willst du hässliches Viech schon wieder hier?“

Sie glotzt mich einfach nur weiter an.

„Na los, komm! Sag’s doch!“

Ihre Sägezähne fangen leise an zu knirschen, ich bekomme Hühnerpelle.

„Du bist dir noch gar nicht sicher, stimmt’s?“

 

Ihr linkes Stielauge zuckt leicht, ihr entsetzliches Maul öffnet sich langsam.

„Nein, bin ich nicht.“ antwortet sie schnippisch.“ Na und? Ich bin hier!“

„Uns was zur Hölle willst du noch??? Hast du noch nicht genug?“

„Du siehst das falsch. Es geht mir nicht um genug, zu viel oder zu wenig.“

„Um was geht es dir denn dann? Bin ich dir zu laut? Lache ich zuviel? Sage ich Sachen, die du nicht hören willst?“

„Ach weißt du…“ (stinken alle Wollhandkrabben so entsetzlich aus dem Maul?) „…ich bin einfach nur gerne hier. Nur präsent. Und schau dich an…“

Sie lacht meckernd, ich werfe ein Kissen nach ihr und schleudere sie vom Bett. Ich gehe ins Bad, wasche mir das Gesicht kalt ab und die Hände.

 

Jetzt ist sie weg. Ich leg mich ins Bett. Nur noch ein paar Wochen.

Überhaupt und an sich….

…ist der Mensch ja doch eher unfair sich selbst gegenüber. Hast du eine richtig glückliche Zeit gehabt, die zu Ende geht (beendete Beziehung, Todesfall, Job, Freundschaft, wirtschaftliches Hoch, das zu Ende geht…), kannst du jedem erzählen und es auch tatsächlich empfinden, wie unglücklich du bist, dass dein Glück vorbei ist.

Aber mal Hand auf´s Herz… Wenn du sehr unglücklich warst und dein Unglück ist vorbei – bist du dann GLÜCKLICH, dass dein Unglück nicht mehr da ist, nimmst du es überhaupt wahr???

Danke für den Schubser, Merlin!

Du hast mich daran erinnert und mich gefordert, hier ein Bischen weiter zu machen, zu sagen, was ich denke und meinen Grießbrei unter die zu bringen, die es interessiert. Schön, dir näher zu kommen!

Traumfee

Es war wie erwartet, ich hörte sie draußen in der Küche laut schreien. Beide. Es ging wie immer um das Eine, das ich nicht so wirklich verstand. Wusste nur, dass es etwas Schlechtes sein musste, weil es immer Ärger darum gab, aber gleichzeitig so hochinteressant, dass es immer Thema war. Immer, wenn er besoffen von der Arbeit kam.

Ich würde es vermutlich nie machen, denn eigentlich bin ich um die Zeit, in der man sich darum streitet, sehr müde und möchte schlafen, so wie jetzt. Aber ich wollte mal abwarten, ich würde bald eingeschult, da sollte man ja alles lernen. Ich hoffte, auch darüber.

Die Anderen schliefen schon oder taten zumindest so.

Draußen schrieen und fluchten sie weiter.

Plötzlich stand die Traumfee neben mir.

„Nervt dich das nicht elend?“

„Klar, aber was soll ich machen?“

„Sag’ ihnen, dass du müde bist und sie aufhören sollen!“

„Nee, dann setzt sie mich wieder neben sich, damit er sie in Ruhe lässt. Dazu hab’ ich heut’ nun überhaupt keinen Nerv…Außerdem säuft sie in letzter Zeit immer mit. Ich bleib schön hier in meinem Bett!“

Sie dachte einen Moment nach, lächelte dann kaum merklich, griff in ihren Rucksack und holte etwas heraus.

„Ich muss weiter, aber du kannst hiermit für den Rest der Nacht schlafen…“ sagte sie und legte mir einen kleinen Bogen mit zwei noch kleineren Pfeilen auf die Decke. Und schon war sie weg.

Ich nahm den Bogen, spannte einen der Pfeile ein, schoss ihn in Richtung Küche ab. Er sauste los, durchs Schlüsselloch, den Flur, das Schlüsselloch der Küchentür und traf  ihn im Auge. Stolz auf meinen Erfolg schickte ich den Zweiten gleich hinterher. Er nahm den gleichen Weg, surrte dabei ein bisschen und drang tief in ihren Nacken ein.

Ruhe.
In einer anderen Ecke des Zimmers nuckelte schmatzend eine meiner Schwestern an ihrem Daumen.
Ich schob den Bogen unter mein Kissen und schlief ein.

Die schwarze Feder

Ich war auf dem Weg zum Abendgymnasium – schon zehn vor sechs und ich war spät. Physik-Klausur um sieben und ich musste noch einiges nachschauen.
In der Südanlage schon wieder ´ne rote Ampel…! Rechts an der Bushaltestelle war eine junge Frau, sie stand da mit einen etwa 16-18 Jahre alten Jungen im Rollstuhl, den sie versuchte zu beruhigen. Es hatte ihn wohl irgend etwas erschreckt, er gab lautes Stöhnen und kurze, ängstliche Schreie von sich, seine spastisch verkrampften Hände versuchten sich gegen das Taschentuch zu wehren, mit dem sie ihm den aus dem Mundwinkel tropfenden Speichel abwischen wollte.

Im Rückspiegel sah ich eine Frau mit einem weißen, frisch geschorenen Pudel mit Strass-Halsband an der Leine sich der Haltestelle nähern. Sie trug einen roten Hut mit einer kleinen, schwarzen Feder und ein rotes, ein bisschen zu enges Kostüm. Sie sah angewidert auf den Rollstuhl, schaute schnell wieder weg, schüttelte kaum merklich den Kopf und zog ihren Hund, einen großen Bogen um die Haltestelle machend, über die Fahrbahn hinter mir.

Die Ampel immer noch rot. Die Frau mit dem Hut war jetzt hinter meinem Wagen. Hatte ich das Physik-Buch auch eingepackt? Ich legte den Rückwärtsgang ein, gab Gas und setzte recht schnell zurück. Ein kleines Jaulen, ein lauter, spitzer Schrei, ein heftiger Aufprall, mein Wagen hüpfte kurz. Die kleine schwarze Feder schwebte vom Dach auf die Motorhaube. Die Ampel wurde grün. Ich fuhr los, es holperte noch mal heftig.

Ja, ich hatte das Physik-Buch dabei.